Der „Schinkengang“ sitzt: Wenn es für die alten Menschen von der Stuhlkante zur Rückenlehne und zurück geht, ist die Gesäßmuskulatur gefragt. Eine alltagsnahe Bewegung, die das Aufstehen und Hinsetzen erleichtert. Deshalb hat die Übung ihren festen Platz in der sportlichen Morgenrunde der Tagespflege St. Paulus der Caritas in Kamp-Lintfort. Eine Stunde steht sie auf dem Programm – jeden Tag.
Es ist viel los im Stuhlkreis der zwölf Frauen und Männer. Dafür sorgt Annette Hollmann. Die Krankenschwester hat einige Fortbildungen für Bewegungs- und Musikangebote absolviert und weiß, wie sie die Runde aktivieren kann. „Wir streichen den linken Arm aus, dann den rechten.“ Bei der kleinen Einstiegsübung bleibt es nicht. Die Aktionen werden immer anspruchsvoller. „Wir ziehen uns an der Armlehne nach hinten und schauen, was hinter uns los ist.“ Oft geht es raus aus dem Stuhl. Irgendwann fliegen Gummiringe durch den Raum, die von den alten Menschen mit Stöcken durch den Stuhlkreis befördert werden.
„Mobilisierung, Kräftigung, Koordination…“ Hollmann zählt die Ziele auf, die in den Übungen meist spielerisch versteckt sind. „Alles, was sie benötigen, um ihren Alltag selbstständig gestalten zu können.“ Im Alter schwindet der Bewegungsradius immer weiter. „Wer da nicht gegen anarbeitet, verliert schneller Möglichkeiten, Haushalt, Freizeit oder soziale Kontakte zu gestalten.“ Die Kurzformel „Wer rastet, der rostet“ verliert dann an Leichtigkeit, sagt sie: „Es gibt Kipp-Punkte, ab denen die fehlende Mobilität das Leben so beeinträchtigt, dass plötzlich gar nichts mehr selbstständig geht.“
Die Wahrscheinlichkeit, umfangreiche Hilfen in Anspruch nehmen zu müssen, steigt damit. „Ohne Prävention durch Bewegung wird die Pflege oft früher notwendig“, sagt Petra Steigerwald, die die Tagespflege leitet. Auch weil fehlende körperliche Aktivierung Auswirkungen auf viele gesundheitlich Aspekte hat. „Es geht nicht nur um verbesserte physische Leistungsfähigkeit – es geht um die Psyche, um Medikation, um Mitteilungsfähigkeit, um soziale Kompetenzen, um Erinnerungsvermögen…“
Sie erlebt täglich, wie Lebensmut und Lebensfreude bei den Gästen zurückkehren, wenn sie die Sportrunde absolvieren. „Gerade für die überwiegend dementiell Erkrankten bringt das enorme Möglichkeiten“, sagt Steigerwald. Das Bewegungsprogramm ist deshalb fester Bestandteil der Tagespflege, seitdem diese vor 13 Jahren eröffnet wurde. Es findet sich in vielen weiteren Angeboten wieder. Geh-Training, Mobilitäts-Checks oder auch der „Rollator-Führerschein“ gehören dazu.
„Wir wollen Pflegesituationen hinauszögern oder verhindern“, fasst Anne Eckert das zusammen. „Wer in die Aktivierung alternder Menschen investiert, ermöglicht ihnen nicht nur ein längeres Leben in Selbstständigkeit und damit mehr Lebensqualität, sondern entlastet auch das Pflegesystem.“ Die Leiterin des Bereichs Altenhilfe im Caritasverband für die Diözese Münster macht sich seit Jahren dafür stark, dass es möglichst viele wohnortnahe Angebote gibt. „Zwar gibt es immer wieder Initiativen unterschiedlicher Akteure, aber ein flächendeckendes, kostenfreies und erreichbares Konzept fehlt.“ Räume, Übungsleiter und Material sollten von den Kassen finanziert werden – je attraktiver, desto größer die Reichweite. „Am Ende würde sich das für die Pflegekassen rechnen, denn verhinderte Pflegezeiten bedeuten enorme Einsparungen.“
In der Tagespflege St. Paulus in Kamp-Lintfort ist man indes beim bewegungstechnischen Highlight der sportlichen Morgenrunde angekommen. „Wir haben vorne gute Laune…“ Aus der kleinen Box klingt der Schlager. Das wirkt sofort. Es wird nicht nur getanzt, sondern auch gelacht, gegenseitig motiviert und der Text mitgesungen. Die ganzheitliche Wirkung der Bewegung ist jetzt deutlich spürbar.